Frankfurter Rundschau vom 28.03.2011
Eitle Pfauen, verletzte Männerherzen
Die Dramatische Bühne bietet furiosen Wortwitz und eine kühle „Mirandolina“
VON FELIX EHRING
Wer ein Gasthaus besitzt, kennt die Menschen. Das ist Fluch und Segen zugleich für die so schöne wie kluge Mirandolina, die sich täglich der Anmache reisender Geschäftsleute erwehren muss. Sie tut das mit Charme und Klasse, zuckersüß und bitterböse treibt sie die überforderten Verehrer verbal vor sich her, bis sie das Weite suchen. Nur der Griesgram Don Andronini scheint sich nicht für die Wirtin zu interessieren, zu beschäftigt ist er, seinen Zynismus über die Welt kundzutun und sein Geld zusammenzuhalten. Selbst die Übernachtung bei Mirandolina verhandelt er so schamlos-geschickt, dass er am Ende noch Profit daraus schlägt.
Mirandolina will nicht glauben, dass es einen Mann gibt, dessen Herz sie nicht gewinnen kann. Sie wettet mit ihrer Vertrauten Juliana um die Gunst des Don und bemüht sich fortan, dessen harte Schale zu knacken. Die Gemeinsamkeiten der beiden sind nicht zu übersehen, vor allem ihre Misanthropie und ihre verbale Überlegenheit über das Fußvolk um sie herum. Sie rümpfen die Nase über die aufdringlich harmonischen Agrippinis und deren „kreativen“ Sohn. So kommt es, dass der kleine Jan-Lasse, ein furchtbar fettes und renitentes Kind, vom Don und Mirandolina Keile bekommt.
Zwei höchst unterhaltsame Stunden lang reihen die Darsteller auf der Dramatischen Bühne einen Paarreim an den anderen. Betören, begehren, erblühen – förmlich schöne Sprache trifft auf zotig-derbe Pointen. Es geht um Themen wie Emanzipation, Kindeserziehung und Hypochondrie. „Des Menschen Seele lässt sich nicht mit Salbe einreiben“, bemerkt der Don trocken. Doch nicht nur er, gespielt von Christoph Maasch, und Mirandolina (Simone Greiß) brillieren. Auch Sebastian Huther, Julian König und Sarah Kortmann geben soziale Blindgänger, hoffnungslose Frauenversteher, Wendehälse und verhinderte Machos mit viel humoristischer Begabung, drastischer Mimik und Stimmmelodie.
Den Wortwitz hat Regisseur Thorsten Morawietz gedichtet, dem eine kompromisslose Komödie gelungen ist. Die Urfassung des Stücks, geschrieben von Carlo Goldoni und 1753 uraufgeführt, gibt der Dramatischen Bühne einmal mehr Gelegenheit für überladene Kostüme. Den Männern werden die passenden Federn der Pfauen verpasst. Am Ende stellt der Don seine Wirtin schließlich auf die Probe. Er ist bereit, sich noch einmal zu binden. Und sie?
Frankfurter Neue Presse vom 29.03.2011
An ihr beißen sich die Männer die Zähne aus
Thorsten Morawietz inszeniert in der Frankfurter Exzess-Halle seine Komödie «Mirandolina».
VON MARCUS HLADEK
Eigentlich ist die «Dramatische Bühne» auf Bearbeitungen klassischer Stoffe abonniert. Dies aber auf so freie und eigenwillige Art, so entschieden geprägt von der Handschrift ihres Impresario-Dramaturgen-Regie-Darsteller-Tausendsassas Morawietz, dass die Stücke schon immer einen starken Drall entwickelten, sich von ihren Vorlagen zu emanzipieren.
Im Fall der «Mirandolina» geht dies jetzt so weit, dass Goldonis Prosakomödie «La locandiera (Mirandolina)» bloß noch motivische Anstöße liefert. Die schöne Mirandolina (Simone Greiß) führt eine Herberge, die man gemäß dem nach Foto gemalten Prospekt eines schönen Innenhofs in einem Italien wie dem Goldonis im 18. Jahrhundert verorten darf. Allerdings bleibt das Florenz der Goldoni-«Mirandolina» unerwähnt, und letztlich ist das Geschehen in ein Nirgendwo in Raum und Zeit aufgehoben – wie auch die exaltierten Kostüme zeigen: sehr bunt, viele Federn und Flügel – wie komische Auswüchse des 18. Jahrhunderts. Mirandolina wird von vielen Männern begehrt, die mit allen Tricks ihr Herz gewinnen wollen und sich die Zähne ausbeißen, denn Mirandolina treibt ihr Spiel mit männlicher Eitelkeit, Berechenbarkeit und Hohlheit – koste es sie auch ihr eigenes Glück. Zwar rührt Don Andronini ihr Herz und sie seines, doch laufen Wetten beider gegeneinander, was bei allem Sex-Talk die reguläre Happy-End-Paarung verhindert.
Wie diese Handlung auf die Bühne kommt, das ergibt, wie stets in der Halle der Exzesse, einen fortlaufenden Zeit-Kommentar auf ewig-moderne Konflikte und Elementarkräfte: von der Liebe und dem «kleinen Unterschied» über Eitelkeit, Reichtum, Geiz, Beziehungsscheu bis hin zur größten Urkraft: der menschlichen (bevorzugt männlichen) Dummheit. Wie immer erfreut der Anblick der stupsnäsig-pfiffigen Sarah Kortmann, die diesmal Mirandolinas Vertraute, zugleich die Hälfte eines komisch-innigen Paares spielt. Ihr zur Seite Sebastian Huther, der als Federico aufs irrwitzigste an Redewendungen scheitert, bis er diesen Makel überwindet. Julian König glänzt als sympathisch einfältiger Don Glorioso mit Hahnenkamm, Christoph Maasch hält als reicher, geiziger Don Andronini manch philosophischen Vortrag über Geld und Liebe und wird zum würdigen Gegenspieler der Mirandolina.
Mit all dem knittelt sich Morawietz aus altem Theater und unserer Zeit sein eigenes, frauenfreundlich-korrektes Stück. Er treibt den Geist des Komödiantischen, Sinnlichen und Albernen noch ein Stückchen weiter. Sehr nett.




