Frankfurter Rundschau vom 01.11.2010
Don Juan hat Rheuma
Die Dramatische Bühne zeigt einen alt gewordenen Liebhaber
VON CHRISTOPH SCHRÖDER
Die zunehmende Überalterung der Gesellschaft beschäftigt nicht nur Demographen und Politiker - auch die Kunst darf vor diesem unglaublich brisanten Thema nicht halt machen. In Zeiten der unsicheren finanziellen Absicherung und drohenden Altersarmut erscheint es sinnvoll, sich Gedanken um ein privates, von Rentensystemen unabhängiges Auskommen zu machen. Das gilt auch für den Frauenhelden Don Juan. Aus dem ist in der aktuellen Inszenierung der Dramatischen Bühne Frankfurt in der Bockenheimer Exzess-Halle "Der Mann, dem die Frauen widerstehen" geworden: Der Charme des einst erfolgreichen Verführers verfängt nicht mehr, die Umgarnungsmethoden sind durchschaut und ausgereitzt, mit der Gesundheit steht es auch nicht mehr zum Besten: "Einst schwelgte er in Sünd und Laster, heute braucht er Stützkorsett und Rheumapflaster".
Thorsten Morawietz hat aus dem Jahrhunderte alten Don-Juan-Stoff eine rasante Burleske getextet, in mehr oder weniger reiner Reimform, und noch dazu auch die Regie und die Hauptrolle übernommen. Das Ergebnis ist ein recht rasanter Spaß mit der Tendenz zum Umkippen in die Albernheit, im ersten Teil des Abends weniger, im zweiten dann etwas mehr. Der Plan, den Don Juan sich ausdenkt, ist so schlicht wie vielfach erprobt: Der alte reiche, brummige Don Geckino (Julian König) soll mit der hübschen, jungen und strunzdoofen Donna Rosinde (Sarah Kortmann) verkuppelt werden, die wiederum Don Juan nach der Hochzeit Don Geckinos Vermögen zuschustern soll. Dagegen arbeitet Don Geckinos geldgeile Verwandtschaft.
Dass Donna Rosinda ihrerseits verlobt ist mit dem Dänen Gunnar (Christoph Maasch), beide aber kein Wort der Sprache des jeweils anderen zu sprechen in der Lage sind, führt regelmäßig zu einer Sprachverwirrung, aus der heraus geradezu slapstickhafte Einzelszenen entstehen. Überhaupt geht es in diesem "Don Juan" der Dramatischen Bühne weniger um die Verfolgung eines Handlungsverlaufes, sondern vielmehr darum, das insgesamt geistig recht unterbelichtete Personal in pointenfähige Situationen zu bringen. Thorsten Morawietz' Auftritt als verkleideter Priester, der vor einer erwartungsvollen Trauergemeinde einen Nekrolog auf einen ihm Unbekannten zu halten hat, ist in dieser Reihe der Höhepunkt.
Don Juan erscheint als ein längst nicht mehr souveräner Galan, der geradezu verzweifelt die ausgeleierten Anmachsprüche herunterbetet. Vergeblich, selbstverständlich. Der dramatische Verfall des Körpers ist nicht nur bei Don Geckino ein Thema: Der Bauch wird dicker, die Haare dünner und auch mit der Prostata wird's immer schlimmer". So wird aus dem diabolischen Erotomanen ein bemitleidenswert lächerlicher, geradezu verzweifelter Scharlatan. Da helfen auch keine Pillen mehr.
Frankfurter Neue Presse vom 03.11.2010
Frauenheld kämpft gegen die Finanznot
VON MARCUS HLADEK
Frankfurt. Die «Dramatische Bühne» führte in ihrer «Exzesshalle» in Frankfurt «Don Juan – Der Mann, dem die Frauen widerstehen» von Thorsten Morawietz auf.
Punks und Banker, Jung und Alt wünscht sie sich als Zuschauer, die «Dramatische Bühne» mit ihrer Verbindung von frei nacherzählten Klassikern mit Komödiantik und Pathos, Tempo, Kostümschwelgerei und prallem Erzählstil. Mit diesem «Don Juan» lässt sich Thorsten Morawietz als Regisseur und Titeldarsteller recht weit aufs Boulevardtheater ein und suhlt sich wollüstig in Albernheiten. Wenn sich Ephraim Kishon einst vorstellte, wie sich Romeo und Julia ohne den Tod in der Gruft als altes Ehepaar angiften würden («Es war die Lerche»), so gibt es auch bei Morawietz keinen Steinernen Gast, der Don Juan den Garaus macht. Gealtert und von einem bebrillten Tieporello (Sebastian Huther) mit Blumen-Hut aufgewartet, hat er vielmehr mit Potenzschwäche, aufmüpfigen Frollein und Finanznöten zu kämpfen. Letztere machen ihn zum Erbschleicher, der die einfältige Donna Rosinda (Sarah Kortmann) mit dem alten, steinreichen Don Geckino (Julian König) verkuppeln und so ans Geld kommen möchte. Geckino hat jedoch wenig Lust zum Sterben, sondern stellt sich nur tot und guckt, als Notar verkleidet, der geldgierigen Familie beim Erbenstreit zu – ein Motiv, das Morawietz aus Ben Jonsons «Volpone» geklaut hat. So kommt doch noch etwas Teatro-dell’arte-Zauber hinzu.
Fürs Bühnenbild hat Simone Greiß einen hübschen Rokoko-Salon-Prospekt gemalt, passend zum Fantasie-Rokoko vieler Kostüme (Prisca Ludwig). Wichtiger ist die Wendigkeit der Akteure, von denen Morawietz als Don Juan im Torero-Kostüm die größte Textlast schultert, Kortmann als Rosinda aber die Glanzlichter setzt. Die Dummheit glaubt man ihrem Spiel, nur das pfiffige Gesicht setzt Grenzen. Julian Königs Don Geckino, mopsig ausstaffiert, leidet als Figur darunter, ein verhinderter Protagonist zu sein, schummelt sich aber gut durch. Christoph Maasch brilliert im Nebenstrang als Rosindas dänisch-bäuerlicher Lover einmal, als er, sprachunkundig, mit Tischen voller Ramsch ein ellenlanges Rebus aus Redewendungen sprechen lässt. Gereimt sind die Morawietz-Stücke immer. Die eine oder andere Ungereimtheit ist da durchaus hinnehmbar.




