Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.02.2007
Alle gegen alle
VON JÜRGEN RICHTER
Ein halbes Dutzend Psychologiestudenten will es drauf ankommen lassen. Wie bei Laborratten wollen sie die eigene Belastbarkeit in Stresssituationen testen. Neben einem Abenteuer winkt Anerkennung, einem gar ein Posten im Institut. Wie sie reagieren werden, das zeigen schon im Vorspann von "Das Labyrinth“ die starrenden Augen. Panik und Aggression herrschen in dem sechzigminütigen Gruselfilm, den Regisseur Thorsten Morawietz mit dem Ensemble der Frankfurter Dramatischen Bühne gedreht hat.
Nach „Ein Sommernachtsalbtraum“ aus dem Jahr 2005 ist es der zweite Film, den die Theatertruppe aus Bockenheim mit minimalem Aufwand, aber mit viel Gespür für eine verunsichernde Stimmung realisiert hat. Dabei wurden jetzt nach dem Prinzip „jeder gegen jeden“ alle Beteiligten mit einer Handycam ausgestattet und aufeinander losgelassen. Zu dem unwirtlichen Schauplatz einer stillgelegten Fabrik - der Leiter des „Experiments“ spricht von 10.000 Quadratmeter ohne Kontakt zur Außenwelt - kommt so der Druck der ständigen Observierung. Im Verlauf der Experimente wird eine Teilnehmerin in eine enge Kammer gesperrt, die anderen werden paarweise aneinandergekettet. Jetzt inszeniert ein versteckter Mitarbeiter eine bedrohliche Geräuschkulisse, der Rest ergibt sich von allein.
Die Dramatische Bühne hat sich mit dem Projekt an einem Spontandrama probiert und eine fast authentische Ausgangssituation kreiert: Man hat von derlei Selbstversuchen gehört, die in den Nachrichten landen - oder Stoff liefern für Filme. Beim „Labyrinth“ ist das Vorbild des „Blair Witch Project“ unübersehbar.
Unter dem Druck gegenseitiger Aggression
Doch geht es bei der Dramatischen Bühne noch einen Schritt weiter: Zu den im Rahmen des Experiments geplanten Belastungen kommen Pannen, geheimnisvolle Schriftzeichen, Nachtlager von Obdachlosen und ein verlorener Schlüssel. Die freiwillige Teilnahme, die angesichts des massiven Gruppendrucks ohnehin nur auf dem Papier stand, wird zur Falle ohne Ausgang. Anders als die Expedition von „Blair Witch“ steht das Experiment von Frankfurt aber von Beginn an unter dem Druck gegenseitiger Aggression der Studenten. Dargestellt wird er mit überlautem Dauerton - dramaturgisch ist das Potential der Situation schnell ausgereizt. Reizvoll aber ist die Entdeckung geeigneter Schauplätze für gruselige Phantasien. Die Dramatische Bühne hat im Keller des eigenen Domizils an der Leipziger Straße und in der Naxosfabrik am anderen Ende der Innenstadt gedreht.
Auch der Park in Wilhelmsbad, in dem die Außenaufnahmen zum „Sturm“, der derzeitigen Inszenierung, entstanden, hat das Zeug zur dramatischen Belebung. Film und Stück - beides ist in der Dramatischen Bühne zu sehen, und Morawietz und sein Ensemble wollen auch weiter die Kamera nutzen: als Möglichkeit, die Bühnendarstellung mit eingespielten Sequenzen zu erweitern. Und ein Film soll jedes Jahr realisiert werden. Es muss ja nicht immer Horror sein.




