Frankfurter Rundschau vom 07.03.2005
Kompott gegen den König
Die Dramatische Bühne schlägt eine kräftige Gangart an mit Alexandre Dumas' Musketieren
VON JAMAL TUSCHICK
"Nichts als Genuss" strebt der Herr an. So kommt D'Artagnan nach Paris und macht sich in der Stadt bekannt mit drei Verabredungen zum Duell gleich in der ersten Stunde. Seine Gegner erkennen in dem Heißsporn einen Mann nach ihrem Herzen, wollen sie doch, genauso wie der Landedelmann aus der Gascogne, "vor Tapferkeit glühen" und "niemals von Wein und Degen lassen". Als des Königs vortreffliche Musketiere haut das für sie so lange hin, bis das Alter sie beißt mit seinen Plagen und sie sich mit ihren Malheurs isolieren. Doch das Schicksal der Nation will es, dass sie sich als Greise in königlichen Belangen noch einmal kollektiv im Kampf bewähren.
In etwa lässt sich so die Anlage des - Motive aus zwei Romanen von Alexandre Dumas dem Älteren zusammenführenden - Stücks skizzieren, das nun von der Dramatischen Bühne in der Regie von Thorsten Morawietz erstmals in der Frankfurter Exzesshalle aufgeführt wurde.
Der Regisseur tritt auch als D'Artagnan in Erscheinung. Er zeigt den Helden als Poser aus der Provinz mit Potenzproblemen. Trotzdem gewinnt sein D'Artagnan die Sympathien. Er ist schneidig, ein Talent am Degenund als obszöner Prahlhans nicht zu übertreffen. Nur für die Liebe scheint er unbegabt.
Gleichwohl entgeht er ihr nicht. Sie begegnet ihm in der Gestalt der reizbaren, von kuriosen Artikulationsschwierigkeiten ständig bis zur Selbstgeißelung aufgestachelten Madeleine. Dargestellt wird sie von einer vorzüglichen Simone Greiß. Sie warnt vor einem "Kompott gegen den König", der seine Jugend als "Mann mit der eisernen Maske" im Kerker verbrachte, während sein debiler Zwillingsbruder als Richelieus Marionette ohne ausreichende Legitimation zum Thronfolger bestimmt war.
Detlev Nyga zeigt beide Brüder als Kastraten. Dabei ist der Gute nicht besser als der Böse. Er ist nur anders schlecht. Seine große körperliche Präsenz leiht der Schauspieler Aramis, dem Beau im Kreis der einst unzertrennlichen Hagestolze. Den Kardinal spielt Armin Drogat als begnadeten Fallensteller und die Bigotterie in der Robe. Er ist aber auch Athos, der bei Dumas gebildeten Weitblick beweist. In der Exzesshalle unterscheidet sich Athos wenig von dem im Roman bärigen und leichtsinnigen Porthos, gespielt von Sebastian Huther, der außerdem als Richelieus herrlich dummdreist-finsterer Mietkiller Rochefort glänzt. Das Ganze kommt als Schwank mit Vor- und Rückblenden so daher als sei Dumas beim Vagantendichter Francois Villon in die Schule gegangen.
Die derbe Rede beherrscht das Spiel der Musketiere. Das Premierenpublikum folgte der kräftigen Gangart mit permanentem Applaus. Es huldigte dem König auf Knien, stieg mit Plastikschwertern in Fechtszenen ein und entsprach in einem Einzelfall sogar dem Wunsch des Ensembles, von intimen Kleidungsstücken getroffen zu werden.
Offenbach Post vom 17.03.2005
Köstliches Spiel seniler Helden
Dramatische Bühne lässt Dumas´ Musketiere in der Exzesshalle alt aussehen
VON J. SCHREINER
Da haben sie wieder ein mächtiges Theaterspektakel angezettelt, die Macher derDramatischen Bühne, allen voran Thorsten Morawietz, Regisseur, Schauspieler und Texter der neuen Inszenierung in der Frankfurter Exzesshalle. Als Vorlage dienten die Abenteuer der legendären drei Musketiere, basierend auf Motiven zweier Romane von Alexandre Dumas. Natürlich wird der Stoff auf ein Maximum an Zoten, Derbheiten und Furor verdichtet.
Rüschenbestückt und mit breitkrempigen Hüten (Ausstattung: Evi Schnatz, Anneliese Meister, Désirée Piniella und Maria Ita Buelta Valdes) kommen die vier Spitzbärte viele Jahre nach ihren letzten Großtaten noch einmal zusammen. Doch aus den einst stolzen Mannsbildern sind alte Männer ohne Mumm in den Knochen geworden, zerstritten und verbittert - von wegen "alle für einen, einer für alle".
In Knittelversen erinnern sie sich an alte Zeiten. D´Artagnan (Morawietz) will der durchtriebene Hecht sein, der glaubt, bei den Frauen den großen Schlag zu haben, aber wenn´s drauf ankommt, seine Mutter als "wichtigste Frau im Leben" angibt. So kann mann bei der wunderschönen, aber leider mit einem Sprachfehler deklamierenden Muse Madeleine, die Simone Greiß als beherzte Dame von Welt mit Grandezza und Liebreiz darstellt, keinen Blumentopf gewinnen. Dann wären da noch der durchtriebene Degenheld Aramis, von Detlev Nyga energisch verkörpert. Der Mime übernimmt auch gleich mit gestalterischer Finesse die Rolle des König Louis, gegen den laut Madeleine ein "Kompott" geplant ist. Sebastian Huther als Porthos gefällt sich vor allem als wahre Salven an Obszönitäten absondernder Schwerenöter, der in der Zweitrolle den angeheuerten Königsmörder Rochefort gibt.
Wenn hier die Würdenträger von Staat und Kirche ins Spiel kommen, dann auf einer erhöhten, schwarz eingefassten Guckkastenbühne, die Simone Greiß und Brigitte Hampel entworfen haben.
Alles weitere spielt sich im weiten, Fahnen behangenen Geviert der Exzesshalle ab, so dass die Zuschauer in den ersten Reihen gleich mit einbezogen werden. Dafür dürfen sie aber auch zu Schwertern greifen und munter im Geschehen mitmischen. Darstellerisch ragt Armin Drogat heraus, der mit gewohnt schneidender Stimme den begnadeten Fallensteller Richelieu und den vierten im Fechterbunde, den Intellektuellen Athos, gibt. Alles in allem ein köstlicher Komödienspaß, der manchmal, wohl bewusst, die Grenze zum Slapstick überschreitet.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mantel und Degen
Die Dramatische Bühne zeigt "Die drei Musketiere"
VON BETTINA ENGELS
Durch einen Hinterhof läuft man, ohne Beleuchtung und Hinweisschild,rüttelt zunächst am falschen Holztor, denkt, die Vorstellung sei abgesagt, oder es müsse doch ein anderer Hinterhof sein, der zum Spielort der Dramatischen Bühne in Bockenheim führt. Doch beim nächsten Verschlag siehts besser aus. Gedämpftes Licht dringt aus der Halle, gleich rechts die Kasse mit den Programmheften zum neuen Stück. Gegenüber auf einem stockwerkhohen Podest erkennt man die Schaltzentrale der Beleuchtungs- und Tontechnik, die meisten Zuschauer haben schon auf den weißen Plastik-Gartenstühlen Platz genommen. Noch ist Zeit, um sich an der Theke unter dem Podest Bier oder Brezel für den Theaterabend zu besorgen.
Irgendwie hat die Vorstellung längst begonnen, als sich drei gebeugte und in schwarze Capes gehüllte Gestalten hart an der ersten Stuhlreihe postieren, eine vierte steht etwas tiefer im ebenerdigen Bühnenraum. An ihren langen Haaren und Spitzbärten, an den Degen und Federbaretten erkennt man sie sofort. Doch d’Artagnan und die drei Musketiere sind alt geworden, ihr letztes gemeinsames Abenteuer liegt 30 Jahre zurück. Nun plagt Porthos die Gicht, Aramis leidet an Rheuma, d’Artagnan hat Schmerzen beim Wasserlassen, und Athos macht die Prostata zu schaffen. Pfeif drauf, sagen sich die alten Haudegen, wo es Arbeit für Helden gibt, wird die Gesundheit ignoriert.
Auf den Prolog der alten Männer folgt die Geschichte aus jener Zeit, als d’Artagnan frisch in Paris angekommen war und in den Kreis der Musketiere aufgenommen wurde. Das Gerüst der Handlung hat sich der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller des Stücks, Thorsten Morawietz von Dumas ausgeborgt. Auch seine Musketiere befreien den „Mann mit der eisernen Maske“ aus dem Kerker des Schlosses, womit sie eine Intrige des machtgierigen Kardinals Richelieu vereiteln. Doch im übrigen nimmt es der temporeiche Mantel-und Degen-Klamauk mit seiner literarischen Vorlage nicht so genau. Der Kampf gegen Richelieu und seinen finsteren Gehilfen Rochefort ist nämlich nur ein Nebenkriegsschauplatz, die eigentliche Schlacht wird auf dem Feld des Geschlechtstriebs geschlagen: d’Artagnan hat sich in die Kammerzofe des debilen Prinzen Ludwig verliebt, ist aber impotent. Damit es endlich zur Entjungferung kommt, versuchen seine Freunde, ihn abwechselnd mit guten Ratschlägen und derber Sexualprosa aus der Reserve zu locken.
Wenn die aus Kino und Fernsehen vertrauten Gestalten nicht gerade ihre historische Mission erfüllen, Kulissen schieben, die Rollen tauschen oder den Zuschauern auf den Leib rücken, schwadronieren sie nach Herzenslust. Madeleine etwa, die Kammerzofe, hat eine schwäche für Fremdwörter, kann sich aber keines richtig merken. Knapp zwei Stunden verfolgen die Zuschauer gebannt, wie es Simone Greiß alias Madeleine gelingt, das Kauderwelsch zu reproduzieren, das ihr das Drehbuch in den Mund legt. Zu zungenbrecherischer Hochform läuft sie in ihrer Doppelrolle als Spion auf, der dem Kardinal minutenlang einen Nonsensdialog von jandlscher Schönheit herunterbetet.
Währenddessen fühlt man sich ein bißchen wie im Ferienlager mit Animateuren. Von Zeit zu Zeit werden zusätzliche Statisten benötigt. Dann gehen Greiß, Morawietz und Kollegen durch die Reihen und drücken dem einen oder anderen ein Schwert in die Hand. Zur Königkrönung darf das gesamte Publikum ein Halleluja anstimmen. Bier und Plastikstühle erinnern an den letzten Campingurlaub. Das sparsame Bühnenbild – bestehend aus einem mobilen Guckkasten und lauter schwarzer Plastikfolie - gibt einem das Gefühl, man säße eigentlich unter freiem Himmel. Viel Vorfreude auf den Sommer kommt an diesem zwanglosen Theaterabend in der Exzess-Halle auf.
RheinMain.net
Die Drei Musketiere
VON MARKUS GRÜNDIG
Alt und grau sind sie geworden, die Musketiere, leiden an Rheuma, Gicht und ihrer Prostata.
Dazu sind sie zerstritten und verbittert. Drum muss das Publikum immer wieder mithelfen, den müden Mannen zu helfen. Sei es das ganze Publikum mit kräftigem Applaus und guter Stimmung oder einzelne, die als Statisten spontan integriert werden.
Thorsten Morawietz hat die literarische Vorlage von Dumas lose aufgenommen und mit eigener Sprachdichtung kunstvoll ausgearbeitet, der es Spaß macht, zuzuhören, selbst ohne Spiel. Mit einer deftigen Haudegensprache werden die übelsten Beschimpfungen witzig verpackt dargeboten, bleiben aber derart derb unter der Gürtellinie, das das selbst Dumas erscheinen muss, um die Musketiere am Riemen zu reißen.
Die riesige Spielfläche der Exzesshalle wird bei diesem Possenspiel überwiegend ohne Kulisse genutzt, die Sprachgewalt ist groß genug, diesen Raum zu füllen. Morawietz ist auch bei den 3 Musketieren nicht nur Autor und Regisseur, in der Rolle des D’Artagnan steht er mit auf der Bühne: prahlerisch und doch mit kleinen liebenswerten Macken, schafft er es dann doch seinen Mutterkomplex zu überwinden und wahre Männlichkeit an den Tag zu legen.
An der Musketiere Seite glänzt und kämpft bezaubernd Madeleine (Simone Greiß), mit seltsamen Sprachfehler bei komplexen Fremdwörtern (die dafür umso häufiger vorkommen), sie ist großherzig und wortstark wie die Titelhelden. Die weiteren Rollen (Musketiere nebst Richelieu, Rochefort und König Louis) wurden von Armin Drogat, Sebastian Huther und Detlev Nyga übernommen, die sie witzig kämpferisch als starke Charaktere spielen.
Insgesamt eine starke Leistung aller, ganz nach dem dazugehörigen Motto: „einer für alle, alle für einen“.
In der spaßigen Umsetzung trockener Theaterliteratur ist der Dramatischen Bühne erneut ein großer Wurf gelungen.
Fritz - Das Magazin vom 11.03.05
Jubel bei der Premiere
Die Zuschauer klatschten anhaltend und begeistert. "Die drei Musketiere", das neue Stück der Dramatischen Bühne, überzeugte alle und jeden: burlesk, poetisch, witzig, tiefsinnig. Mit dieser Aufführung ist dem Leiter der Truppe, Thorsten Morawietz, erneut ein großer Wurf gelungen. Theater im Stile der Comedia dell´Arte - prall, authentisch und ohne elaborierte Abgehobenheit. Volkstheater im besten Sinne des Wortes.
Zum Stück: Die Historie um die drei Musketiere, um die Abenteuer des D’Artagnan, um die Intrigen des Kardinal Richelieu und seiner finsteren Creatur Rochefort, voller Degenkämpfe, Pösselei und Melancholie. Dreissig Jahre nach ihren Heldentaten treffen sich die 4 Musketiere wieder, alt, zerstritten und verbittert. Ein letztes Mal noch erinnern sie sich zurück an ihre goldenen Tage.
PlanF
Derbes Trio
Erst fechten - dann kämpfen sie gegen Beschwerden des Alters. Gleich zwei Romane von Alexandre Dumas dem Älteren verarbeitete Thorsten Morawietz zu seinem Bühnenstück "Die drei Musketiere". Aus den Heißspornen, die "niemals von Wein und Degen lassen" wollten, sind ältere Herren geworden.
Die Handlung ist verwickelt, die Positionen klar: Rochefort (Sebastian Huther) und der Kardinal Richelieu (Armin Drogat) sind die Bösen, die beiden königlichen Brüder (beide gespielt von Detlev Nyga) teils gut, teils böse und die Musketiere (in wechselnden Rollen: Sebastian Huther und Armin Drogat) die Guten, auch wenn sie zerstritten sind. Für die romantische Liebe ist Simone Greiß als Madeleine zuständig. Gekämpft wird natürlich heftig, teils unter Beteiligung des Publikums.
Die Jahre des Kampfes haben die Sitten aufgeraut; die Sprache ist zotig und derb - nix für sanftere Gemüter: "Die drei Musketiere" sind die theatrale Entsprechung einer Fankurve im Fußballstadion.




