Die Dramatische Buehne

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Was Ihr Wollt

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kulturfreak.de vom 27.10.2008

Was ihr wollt
VON MARKUS GRÜNDIG

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte Shakespeares „Was ihr wollt“ Premiere am schauspielfrankfurt, Corinna von Rad inszenierte die überirdische Komödie als Verwirrspiel in einem in die Jahre gekommenen Freizeitbad. Vergleicht man diese Inszenierung mit der aktuellen Inszenierung der Dramatischen Bühne, so könnte man denken, es handelt sich um zwei verschiedene Stücke, so unterschiedlich ist der interpretatorische Ansatz.
Die Dramatische Bühne verzichtet auf jegliche Dekoration und Bühne, spielt auf leerer Fläche. Nur ein paar wenige Wölkchen hoch oben vermitteln göttlichen Bezug, ein schmaler Vorhang dient sporadisch als Versteck und Schutzmauer. Ausgefallen sind dafür die Kostüme von Evi Schnatz (nach Entwürfen von Prisca Ludwig). Sei es nun Mode vom barocken Landadel oder versponnene Königstracht, das kunterbunte Sammelsurium kann frei nach des Stückes Titel interpretiert werden: man kann darin sehen, was man will. Beispielsweise edle Pracht wie bei Gräfin Olivia, militärische Korrektheit bei Cesario oder Verwegenes bei Sir Tobias Rülps. Dazu sind die Kostüme stets zweigeteilt, zwei Seelen wohnen ach in eines jeden Protagonisten Brust. Hier wurde die Doppeldeutigkeit künstlerisch verpackt: über jeweils zwei unterschiedlich geschminkte Gesichtshälften bis hin zu den Schuhen, wo jeder grundsätzlich am rechten einen anderen als am linken Fuß trägt.
Eine Dopplung gibt es auch szenischer Art. Die Darsteller spielen nicht nur real und in Echtzeit, die Handlung wird auch von aufwendig hergestellten Filmsequenzen untermauert, die auf einer großen Leinwand im Hintergrund laufen. Mit detektivischer Spürnase wird hier den Geheimnissen mal spaßig, mal ernsthaft, auf den wahren Grund gegangen, den selbst Shakespeare so klar nicht sah. Beispielsweise erfährt hier Fürst Orsinos Besessenheit bezüglich Gräfin Olivia ihre Aufdeckung, dass er nur in das Bild, das er von ihr im Kopf hatte, verliebt war, sie als Person aber gar nicht interessierte. Die Filmszenen sind mit der Handlung im Saal perfekt abgestimmt, sodass die Darsteller teilweise von der Leinwand in den Bühnenraum übertreten und so die Wahrnehmung zwischen realem und fiktivem verwischt wird.
Neben vielen melancholischen, nachdenklichen und besinnlichen Momenten (mit Exkursen über das Altern, der Notwendigkeit von Lügen beim Lieben, einer Liebesinvestitionsrechnung oder auch über das Regietheater ), überwiegen die lockeren, komischen und mitunter derb sexistischen Momente. Hausherr Thorsten Morawietz, der auch einen herrlich selbst überzogen Sir Thomas Rülps spielt, hat Shakespeares Vorlage für die Dramatische Bühne gekürzt und mit eigenen zeitgemäßen Texten abgerundet. Morawietzs dichterischen Geschick zu Dank, verlaufen die Übergänge kaum wahrnehmbar, quasi als hätte Shakespeare das Stück erst im Jahr 2008 geschrieben (und nicht vor über 400 Jahren).
Die Rolle des Zwillingsbruders Sebastian wurde gestrichen, ebenso folglich die des Antonio. Eine Doppelrolle hat Julian König inne, er gibt einen furchterregenden, gefühlserkalteten Orsino und zum Kontrast einen überaus lebenslustigen Malvolio. Sebastian Huther spielt einen musikalischen Sir Andrew Bleichenwang und avanciert mit seinem nachhaltigen Verlangen nach aufrichtiger Kritik zu seinem künstlerischen Vortrag zum Publikumsliebling. Armin Drogar agiert als eigenwilliger Narr. Voller Anmut und Schönheit glänzt die Gräfin Olivia der Simone Greiß, die in Sarah Kortmann (Cesario/Viola) eine ebenbürtige Mitstreiterin um das Herz der Männer hat.
Der Programmtext spricht von irrsinniger Komödiantik, Gedankenpracht und Sinneslust und das kommt gut hin: ein vergnüglicher wie anregender Abend.


Frankfurter Neue Presse vom 4.11.2008

Sir Rülps becirct die Jungfern
Thorsten Morawietz textete sich Shakespeares «Zwölfte Nacht oder Was ihr wollt» in der Exzess-Halle für Frankfurts «Dramatische Bühne» neu zurecht.

Brecht hat gesagt: Man kann Shakespeare umschreiben, wenn man kann. Kann Morawietz? Jein, das heißt: für seine speziellen Zwecke schon. Und das sind immerhin nicht die schlechtesten. Dass diesem demokratischen Impresario alles immer irgendwie knüttelt und sich partout reimen muss, braucht nicht wieder vorgekaut zu werden. Morawietz liefert zwar schwerlich den subtilsten Shakespeare, wohl aber einen lebenskräftigen, leicht grobianischen Ersatz.

Eine Reihe von Theatermitteln sind aus früheren Inszenierungen der Truppe vertraut, so die Videopassagen als Vehikel für Träume, Gedanken, Erinnerungen und für Figuren, die in ihren «Film» ein- und wieder heraustreten, sowie ein Running Gag als rotierende Auflockerungs-Maschine. Diesmal ist es Sir Tobias Rülps (Morawietz), der seinem Freund Sir Bleichenwang (Sebastian Huther) alle Nase lang seine Kunst der plumpen Anmache von Jungfern vorführt und sich dabei serielle Abfuhren holt, von denen die beiden zu ihrem Glück gar nichts merken.

Kostüme (Prisca Ludwig) und Schminkmasken zeugen wieder von einer amateurialen Begeisterung an schönem Prunk und setzen in ihrem zentralen Merkmal, der janusköpfigen Längsteilung bei allen Figuren, gültig die Idee des karnevalesken Identitätswechsels um. Verschärft durch Violas Hosenrolle als Cesario (die reizende Sarah Kortmann), spielt der Titel ja genau darauf an: die «zwölfte» der so genannten Raunächte, jene vor Epiphanias (6. Januar: Heilige Drei Könige). Das Bühnenbild von Simone Greiß (auch: Olivia) ist so offen und luftig wie das komische Spiel mit tragischen Untertönen. Was die Spielfläche strukturiert, sind leichte, wehende Tücher und Vorhänge, die magisch-biomorphe Muster tragen. Vergnügen bereitet vor allem das sehr gekonnte und flüssige, vielfach überzeugende Spiel. Neben Kortmann gilt dies vielleicht besonders für Armin Drogat als Narr, Julian König als Fürst Orsino und (noch mehr) als Malvolio und Huthers Bleichenwang.
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