Frankfurter Rundschau vom 22.08.2006
Theater setzt Firmen in Szene
Die Dramatische Bühne Frankfurt hat Unternehmen als zusätzliche Einnahmequelle entdeckt und arbeitet seitdem flexibler
VON PETRA KIRCHHOFF
Die Dramatische Bühne versucht, mit besonderen Ideen profitabler zu wirtschaften. Eine ist das "Business Theater", ein spezielles Angebot für Unternehmensfeiern. Damit macht die freie Theatergruppe aus Frankfurt inzwischen 30 Prozent ihrer Einnahmen.
Grundsätzlich passen Geldverdienen und Theaterspielen in Deutschland nicht zueinander. Vor allem die Bühnen von Stadt und Land sind es, die jährlich Millionen an Subventionen verschlucken. Im Schnitt spielen die Häuser nur 16 Prozent ihrer Kosten selbst ein. Den Rest zahlt der Steuerzahler.
Bei der Dramatischen Bühne, einer von rund 60 freien Theatergruppen und -ensembles aus Frankfurt, ist das Verhältnis genau umgekehrt. Die Bühne, die in der Exzesshalle im Stadtteil Bockenheim ihre feste Spielstätte hat, finanziert 88 Prozent ihres 280 000 Euro umfassenden Spieletats selbst. "das ist ein sehr guter Wert", sagt Dieter Bassermann, bei der Stadt zuständig für die Kulturförderung. Andere freie Gruppen kämen auf einen Selbstfinanzierungsanteil von 75 und 65 Prozent.
Shakespeare beim Betriebsfest
Die Dramatische Bühne hat sich mit ihrer ironischen und komödiantischen Umsetzung klassischer Stoffe einen Namen gemacht. Das Business Theater ist inzwischen eine wichtige Einnahmequelle. Die Vorstellung im Unternehmen hängt ganz von den Wünschender Firmen ab, erklärt Desirée Piniella, schauspielernde Managerin der Dramatischen Bühne, für die Marktwirtschaft kein Fremdwort ist. Aufträge kämen direkt oder über eine Agentur.
Bei der Verabschiedung eines Vorstandes und Theaterfreundes der Fondsgesellschaft Union Invest etwa gaben die Dramatiker auf Wunsch kleine Szenen aus Shakespeare-Stücken zum Besten - das Buffet war entsprechend dekoriert. Die Bauunternehmung Bilfinger + Berger orderte aus Anlass ihres 125-jährigen Bestehens eine Performance zum Thema Dienstleistung, weshalb die Theaterleute mit Hilfe einer menschlichen Pyramide eine Glühbirne in Fassung brachten. Dazu wurde auf Baufässern und anderen Geräten getrommelt. Für den Reiseveranstalter Norwegian Cruise Line (NCL) präsentiert die Bühne regelmäßig spielerisch das neue Programm. Auch für die Präsentation von Handys und Pharmaprodukten denken sich die Schauspieler etwas aus.
Was Anhänger der reinen Theaterlehre naserümpfend als Kommerz abtun, ist für die Dramatische Bühne inzwischen eine wichtige Nische, um "freier und flexibler" zu arbeiten und das Repertoire weiter auszubauen, wie Piniella betont. Die Zuschüsse der Stadt - an Fördergeld spendiert die Kommune 40.000 Euro, hinzu kommen 14.000 Euro Projektmittel - reichen gerade einmal zur Deckung der Miete und anderer Fixkosten.
"Der Osterspaziergang", eine Auftragsproduktion der Stadt Frankfurt zu Ehren des Dichters Goethe vor fünf Jahren war es, die Piniella und ihre Schauspielkollegen auf die Idee brachten, Theater auch außerhalb des üblichen Rahmens anzubieten. Damals bespielten die Dramatiker zwölf Bühnen in der Stadt. Das sei gut angekommen, betont die gelernte Hotelfachfrau, die durch Zufall zum Theaterspielen kam und derzeit als Gretchen in Faust und Ophelia in Hamlet auf der Bühne steht. Warum also sollte so etwas nicht auf einem Betriebsfest oder einem offiziellen Empfang funktionieren?
"DJs und Bands macht schließlich jeder. Die Industrie sollte sich mehr trauen", meint die Marketingfrau des Theaters.
Das Business Theater ist nur eines von vier Standbeinen, mit denen die Dramatische Bühne versucht, Geld zu verdienen. Eine weitere wichtige "Krücke, die uns hilft", so Piniella, sind die Freilichtspiele im Sommer im Grüneburgpark. Diese sind auch bei solchen Theaterfans aus der noblen Westend-Nachbarschaft beliebt, die sonst nicht den Weg in die links-autonome Exzesshalle finden. Mit vielen Stücken geht die Bühne auch auf Tournee.
Kein Vergleich mit Schauspiel
Der städtische Kulturförderer Bassermann, der die Dramatische Bühne als "fleißig" lobt, sieht im Business Theater eine "gute Ergänzung, um Einnahmen zu erzielen" - vorausgesetzt das Theater entwickele sich nicht "zur Showtruppe".
Allerdings warnt der Kulturexperte vor falschen Rückschlüssen. Freie Theater und städtische Bühnen könne man nicht miteinander vergleichen. Hinter Oper und Schauspiel stehe ein ganz "anderer Apparat" und Subventionsbedarf.




