Frankfurter Rundschau, 01.02.07
Alles wird gut
Ein fabelhafter "Sturm" auf der Dramatischen Bühne
VON JAMAL TUSCHIK
Einst war er Herzog von Mailand. Nun sitzt Prospero schon zwölf Jahre auf einer verwunschenen Insel fest, mit keiner anderen Gesellschaft als seiner weltfremden Tochter Miranda, einem greisen Luftgeist namens Ariel und dem ursprünglichen, indes schauderhaft versklavten Inselherrscher in Gestalt des kannibalistischen Zwischenwesens Caliban. Bekanntlich ist das die Ausgangslage in William Shakespeares letztem, 1611 in London uraufgeführtem Stück Der Sturm. Jetzt gibt es den Gegenstand einer überwältigenden Inszenierung der Dramatischen Bühne in Frankfurt-Bockenheim ab. Der Regie führende Theaterleiter Thorsten Morawietz mixt das theatralische Ereignis mit expressionistischen Spielfilmsequenzen. Dazu kommt ein suggestiver Soundtrack, der in Verbindung mit Shakespeares Stanzen hitverdächtig klingt.
Alle Schauspieler zeigen sich in ihren Kostümen (mit Pfauenfedern und Schmetterlingsflügeln in die Elfenwelt gerückt) dem audiovisuellen Monsteraufbau gewachsen. Sie handeln vor einem semi-imaginären Kunstgebirge und in einem Sturm, "der das Unterste nach oben kehrt". Das Wetter wurde von Prospero bestellt, um die Flotte des unrechtmäßig auf den Thron gelangten Mailänder Königs erst in Seenot zu bringen und dann auf seiner Insel stranden zu lassen. Armin Drogat zeigt den aristokratischen Robinson als melancholisch-sinistre Größe unter lauter Halbgescheiten und ganz Beschränkten. Er trägt zum dekorativen Buckel einen schicken Aztekenpriesterhut. Er weiß: "Die wahre Welt liegt hinter der Wirklichkeit." Prosperos Regiment ist streng, darunter hat insbesondere der von Jean Pierre Allain als erschöpfte Koryphäe dargestellte Luftgeist zu leiden. Fabelhaft bringt er den Menschen ihre Beschränkungen ins Bewusstsein: indem er ihre Wünsche erfüllt. Sarah Kortmann erscheint als liebestolle und ganz unbefangene Miranda. Jedwede Affektkontrolle bleibt ihr fremd. So verwirrt sie Sebastian Huther aka Fernando, der den Galan aus dem schiffbrüchigen Königsgefolge auch schon mal mit blankem Arsch spielt - und im Weiteren den nur filmisch zugeschalteten Caliban als Stumpfsinn in Person prächtig verkörpert.
Wie im Original wird auch hier alles gut. Prospero entsagt seinen fürstlichen Ansprüchen und vergibt dem aufgehetzten Widersacher Alonso (Mark Himmelmann) - dessen böses Weib Beatrice als entlarvte Megäre bloß noch mit einsamer Armut rechnen kann. Verena Hirschmann leiht der Intrigantin ihre scharfgeschnittenen Züge.
Frankfurter Neue Presse vom 30.01.2007
Nicht jede Sehnsucht erfüllt sich
Die „Dramatische Bühne“ Frankfurt adaptiert Shakespeares „Der Sturm“ auf sehr freie Weise.
VON JOACHIM SCHREINER
Wenn der Regisseur Thorsten Morawietz Hand an Schauspiel-Klassiker legt, darf man sich auf einiges gefasst machen. Da werden Personen weggelassen, andere dazuerfunden und reichlich Text gekürzt. Dennoch erlebt man in der Exzess-Halle in knapp zwei Stunden einen überaus sinnlichen, farbenfrohen und vor allem schauspielerisch hochwertigen Raum-Theaterabend.
Das liegt auch an Evi Schnatz’ und Anneliese Meisters kunstvoll gestalteten Kostümen. Viel Brokat, Samt- und Tüll-Stoffe mit Polstern und elisabethanisch anmutenden Steh-Kragen tragen die Akteure, allen voran der Magier Prospero, von Armin Drogat mit sprachlichem Feingefühl und gestalterischem Elan verkörpert. Seine Tochter Miranda gibt die liebreizende Sarah Kortmann mit der nötigen Naivität, die eine Frau umgibt, die außer ihrem Vater noch nie einen anderen Mann gesehen hat und sich prompt bei der Begegnung mit Fernando (Sebastian Huther als liebestoller Geck mit dem Gespür für die Reize des anderen Geschlechts) verguckt. Die verschiedenen Spielorte des Dramas werden hier mit einfachen Kunstgriffen stilisiert und so transparent gemacht. Wirkungsvoll arbeitet die Freie Bühne in Bockenheim mit dem Medium Film. Gedreht im herbstlichen Hanauer Park von Wilhelmsbad, tauchen Dämonen und schaurige Gestalten auf. Die Schauspieler treten in die Leinwand und wieder aus ihr heraus. So taucht Caliban (Sebastian Huther als verunstaltete Horrorgestalt) ausschließlich im Film auf. Den Luftgeist Ariel sucht man hier vergebens, statt dessen erscheint ein gewisser Alberich (Jean Pierre Allain) als tumber Zauberer mit überdimensionierten Flügeln auf dem Rücken, der die Zauberanweisungen seines Herrn per Glöckchenschlag auszuführen vermag. Spielerisch erarbeitet das Ensemble eine melancholische Parabel auf die Unerfüllbarkeit der menschlichen Sehnsüchte.




