Die Dramatische Buehne

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Der elektrische Harlekin

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Frankfurter Rundschau vom 29.03.2010

Lasst uns träumen
"Metropolis" in der Dramatischen Bühne

Die "Metropolis"-Version der Dramatischen Bühne in der Frankfurter Exzess-Halle ist so frei nach dem Film von Fritz Lang, dass man am besten nicht weiter darüber nachdenkt. Es kommt aber eine Stadt darin vor, die Metropolis heißt und wie Metropolis aussieht. Thomas (sic!) Morawietz, für Text und Regie zuständig, hat die selbe Methode benutzt, wie der schauerliche Caligaritsch in seiner Geschichte: Aus dem Fundus fremder und eigener Fantastereien stellt er ein fabelhaftes Märchen zusammen.

Strolch Caligaritsch stiehlt harmlosen Passanten die Träume, um daraus den Optimaltraum zu mixen (es lebe der Chemiebaukasten!). Eine Truppe ex-erfolgreicher Artisten - Männer, Frauen, Maschinen - stellt sich ihm entgegen: darunter ein rückenleidender Gewichtheber, der nurmehr leere Streichholzschachteln heben kann, ein Gedächtnisgenie ohne Gedächtnis, ein Blinder Messerwerfer und ein witzloser Witzeroboter. Letzterer ist "der elektrische Harlekin" aus dem Untertitel, Armin Drogat zeit ihn als gerade in seiner Tapferkeit jammervollen Tropf.
Die schlechtesten Artisten der Welt, letztendlich auch eine vergrößerte Bremer-Stadtmusikanten-Combo, erleben allerlei Abenteuer in einer Zukunftswelt, in der alles noch viel, viel schlimmer ist, als heute. Melancholie und Witz halten sich trotz der fatalen Ausgangslage (und besser wird es nicht) die Waage. Morawietz spielt damit, dass wir auch mit Computeraufrüstungen, Katastrophenängsten und beruflichen Frustrationen aller Art hantieren. Er schlägt uns seine Ideen nur so um die Ohren.
Im gescheiten Klamauk entwickelt sich aber auch eine gescheite Geschichte und werden die Figuren wunderbar lebendig. Selbst das per Video zugeschaltete Gehirn ohne Körper oder die brachial optimstische Ballerina. Filmeinspielungen und Lieder lockern den ohnehin schon sehr gelockerten Abend weiter auf. Das Ende ist doch ernüchternd, aber nur für die Träumer auf der Bühne. Wir hingegen zockeln beschwingt davon.
 
 
FAZ vom 03.04.2010
 
Finale Mortale
Die Dramatische Bühne spielt "Metropolis"
 
VON JÜRGEN RICHTER

Im aufrüttelden Tonfall des Moritatensängers verkündet die Stimme aus der Pappkulisse, was Sache ist: dass die Reichen sich im Turm von Neo-Babel verschanzt haben, derweil eine Prozession schillernder Gestalten in bizzarrer Aufmachung aus dem Dunkel herausleuchtet. Während die Melodie in die sakrale Litanei und schließlich in die mechanische Ansage wechselt, deutet der Narrator eine Epoche der Verwerfungen, eine Welt nach der Zerstörung im Strahlenfeuer an.

Es gelingt nicht auf Anhieb, sich örtlich und zeitlich zu orientieren im Stück "Metropolis" oder der mechanische Harlekin, das die Dramatische Bühne Frankfurt jetzt zeigt. Man muss die ohne jede chronologische Folge eingebrachten Hinweise einordnen in ein Puzzle, in dessen fertigem Bild neben Mutanten, Androiden und Versklavten ziemlich alle Schreckvisionen der Zukunftsliteratur vermischt werden. Doch dass diese Schrecken nicht unbedingt ein Privileg kommender Jahre sind, darauf verweist die eklestizistische Maskerade der skurrilen Gesellschaft, die vom barocken Pomp über kapriziöse Reizwäsche bis zum stahlkalten Roboterhabitus reicht.
In der Kleinen Gesellschaft, die zwischen Städten wie Atlantis, Neu-Alexandrien oder Easy-City pendelt, besteht aus dem Verliererpersonal eines wanderzirkus - neben dem blinden Messerwerfer, der Kraftmensch, der nur noch einen Bleistift stemmen kann, das lebensmüde Hirn im Nährstofftank und der Harlekinroboter mit dem Innenleben aus rostenden Zahnrädern. Sie zitieren das schaurig-schöne Panoptikum des Abnormitätenkabinetts auf den Jahrmärkten, und sie beschwören eine Gemeinschaft, die einen neuen Rassismus nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen menschlichen und mechanischen Lebensformen überwindet. Daneben werden weitere Leiden und Leidenschaften ausgefächert, die Flucht aus der Realität wird zum Versuch sich die Träume zu bewahren, die gerechtfertigt erscheinen. Und vertraute Kommunikationsbarrieren trennen analog und digital tickenden Menschen.

Die Inszenierung orientiert sich am melancholischen Kinodrama und schwelgt in Zitaten, hat dabei aber mehr von "Delicatessen" oder den "Kindern des Olymp" als von "Metropolis". Doktor Caligari kommt als klassischer Leinwanddämon und Hannibal Lecter hat einen beziehungsreichen, aber folgenlosen Gastauftritt in einem von Reaktionen statt erzählenden Ereignissen vorangetriebenen Stück.

Regisseur Thorsten Morawietz schlägt phantastische Kapriolen wie auf einem Monumentalgemälde, verzettelt sich aber auch in kakophonischen Eskapaden und kommt dabei zum frappierenden Ergebnis, dadd das Lebensziel und höchstes Menschenrecht der Tod ist - und damit auch das Happy End. Im Kino war das so noch nicht zu sehen.
 
 
Rhein-Main.net
 
Tod dem Toaster
VON ACHIM WEISS

Aus Fritz Langs Stummfilmklassiker «Metropolis» hat die Dramatische Bühne eine knallbunte Bühnenshow gezaubert, die, wie schon der Programmzettel verspricht, eine gelungene Mischung aus Poesie, Komödie und Melancholie bietet.

Der von der Pleite bedrohte Zirkus des Doktor Moribundus um den seines Witzes beraubten Harlekin bildet dabei das Zentrum, um das sich allerlei merkwürdige und komische Dinge ereignen. Dramaturgisch ist das teilweise ein Gratwanderung, weil neben der eigentlichen Handlung (der Suche nach den Traumräubern und die Erlösung des Harlekins) zahlreiche kleine Episoden gestrickt sind, die wechselweise traumhaft oder saukomisch sind, die aber auch ein paar Längen enthalten. So ist z.B. die Exposition mit der Vorstellung der Hauptcharaktere extrem temporeich und unterhaltsam inszeniert, bei manchen Film- (vor allem Traum-)Sequenzen kommt das Tempo der Aufführung aber fast gänzlich zum Stillstand. Die fast 90 Minuten vor der Pause sind daher etwas zu lang geraten, wenngleich nie wirklich Langeweile aufkommt.

Man merkt der Truppe von Anfang an ihre enorme Spielfreude an, allen voran glänzen Armin Drogat als eher erbarmungswürdiger Harlecino und Julian König als verzweifelter Moribundus und später ebenso überzeugend auch als biestiger Traumräuber Caligarisch. So ist «Metropolis – oder: Der elektrische Harlekin» wie die meisten Stücke in diesem Theater in erster Linie eine tolle Ensembleleistung, in der man sich vor schrägen Ideen und Dialogen sowie fantastischen Kostümen (gerne mal mit integriertem Lampenschirm oder Notenständer) kaum satthören und -sehen kann. Dazu kommt allerdings im Vergleich zum älteren Science-Fiction-Stück dieses Theaters, dem eher trashigen «Barbarella», eine deutlich poetischere Note. Da fühlt man sich in manchen Szenen sogar an den legendären Cirque du Soleil erinnert. «Metropolis» ist im vergleich zu «Barbarella» in jedem Fall das ambitioniertere Stück mit den schöneren Gesangspassagen und stellenweise philosophischem Tiefgang.
 Auch die häufige Integration des «körperlosen Gehirns» mit seinen süffisanten Kommentaren (mit toller Mimik und tatsächlich «körperlos»: Detlev Nyga) verblüfft immer wieder. Und Sätze wie «Tod dem Toaster» oder «Tod dem Reißverschluss» wird man ohnehin kaum in irgendeinem anderen Theater hören.
 
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