Die Dramatische Buehne

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Der Diener zweier Herren

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Frankfurter Rundschau vom 9.11.2009

Quer durch die menschlichen Abgründe
VON STEFAN MICHALZIK

Bei der Dramatischen Bühne Frankfurt im schmuddelanarchischen Umfeld einer hinter der Leipziger Straße gelegenen einstigen Fabrikhalle geht es beherzt zur Sache, gleich welches Stück sich das Ensemble gerade vorknöpft. Truffaldino, die Hauptfigur in Carlo Goldonis "Der Diener zweier Herren", wird in einer der schwungvollsten Szenen dieser ausgewiesen heutigen Anverwandlung durch eigentlich fünf Herrinnen und Herren derart handfest und fortwährend abgewatscht, dass die Backe seines Spieler - dem Gründer, Regisseur und Textbearbeiter Thorsten Morawietz - knallrot anläuft.

Einmal quer durch die menschlichen Abgründe: Es ist das alte Prinzip der klassischen Komödie, das die Dramatische Bühne in Anknüpfung an den Stil der fahrenden Truppen vergangener Jahrhunderte wiederbelebt. Es geht um das heikle Verhältnis zwischen den Männern und den Frauen. Männer sind, dem Klischeebild nach, rechte Taugenichtse und Frauen Zicken übelsten Zuschnitts. Aber lieben, so die Moral zum versöhnlichen Ende, sollten sie sich doch. Es ist schließlich nichts besseres da.

Floskeln der Vorgesetzten


Beiläufig wird das - als unausweilich dargestellte - Kontinuum der gesellschaftlichen Verhältnisse abgehandelt. Ob Herr, ob Vater mit liebeswidrigen Verheiratungsplänen, ob einstiger Revoluzzer, dem mit den Haaren zugleich auch die Ideal geschwunden sind: Es ist die Floskelsprache der Politiker und Vorgesetzten, die in einem satirischen Impetus gesprochen wird.

Die Perücken schimmern in grellem Blau oder Grün, man spielt in frei historisierenden Kostümen; zinkenhafte Nasen sind anstelle der Masken der Commedia dell´Arte getreten. Ein gehöriges Tempo, originelle Reime und viel Spielwitz sorgen für eine spritzige Unterhaltsamkeit. Diese flotte Komödientruppe grenzt sich in einer Selbstdarstellung auf ihrer Website von einer "zeitgebundenen Interpretationswillkür" ab und gibt sich programmatisch konservativ. Schon im Spätherbst produziert man hier eine ungebtrübte sommerliche Frische für die nächste Freiluftsaison im Grüneburgpark.

 

Offenbach Post vom 10.11.09

Am Ende sind alle bedient
VON FRANZISKA EHRHARDT

Wer die Dramatische Bühne in der Frankfurter Exzess-Halle besucht, der erlebt einen Theaterabend der zwanglosen Sorte. Zweierlei kann man sich sicher sein: Dass Regisseur Thorsten Morawietz ein Händchen für Texte hat. Und dass die Exzess-Halle ein ganz eigener Charme umgibt.
„Diener zweier Herren“ ist eine moderne Umdeutung von Morawietz nach der Vorlage des italienischen Dramatikers Carlo Goldoni. Die junge Beatrice verkleidet sich als Mann, um sich vor der Eheschließung ihrem Verlobten Florindo unerkannt zu nähern und herauszufinden, was der wirklich über sie denkt. Tiodina liebt den Dichter Goldoni, soll aber den reichen Vega heiraten und will das unbedingt verhindern. Im Zentrum der amourösen Verwicklungen steht Diener Truffaldino, der sich mehreren Herren gleichzeitig verpflichtet hat, um sein Gehalt aufzubessern. Um die Figuren entspinnt sich ein verzwicktes Verwirrspiel, das nur Truffaldino durchschaut.

Zum Spielplatz der Eitelkeiten wird die Bockenheimer Bühne – Liebe und Streit, Lüge und Leid, Fremd- und Selbsttäuschung bestimmen das bunte Treiben, bis am Ende doch alles gut wird. Leicht und locker, dennoch hintergründig kommt das Stück daher, das Ensemble offeriert Komödiantentum und Schmierentheater in voller Pracht, ein jeder kriegt sein Fett weg.

Mit opulenten Kostümen, viel Schminke und noch mehr Hingabe bringt das Ensemble ein kurzweiliges Maskenspiel des Menschseins auf die Bühne, dessen Protagonisten zuweilen wie Karikaturen aus dem echten Leben erscheinen: Die launische Rotzgöre Tiodina (Sarah Kortmann) zum Beispiel, eine echte Superzicke, die ihren Geliebten mit ihren Stimmungsschwankungen terrorisiert. Oder der Einfaltspinsel Florindo (Julian König), der mit seinem schlichten Geist und seiner unbeholfenen Gestik gleichermaßen für Lacher sorgt. Durch den wahnwitzigen, überzogenen und doch irgendwie wahren Zweifrontenkrieg um Rivalitäten und Missverständnisse führt gekonnt Thorsten Morawietz als Truffaldino, der so treffend resümiert: „Die Menschen sind ziemlich dämlich zwar, aber irgendwie auch wunderbar.“ Wunderbar auch die Premiere, für die es überschwänglichen Applaus gab.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.11.2009

Gelenkt von Gier und Rivalität
VON JÜRGEN RICHTER

Wo bleibt das Essen, her mit der Tasse Tee, der Schuh drückt, das Bett ist zu richten, die Stube muss gekehrt werden - viele Münder rufen Befehle, nur zwei Hände sind da, sie alle auszuführen. Truffaldino, der Titelheld in Carlo Goldonis "Der Diener zweier Herren", muss sich zerreißen als Diener einer ganzen Herrenklasse. Mit entsprechend multipliziertem Lohn wird er nicht entschädigt, schadlos hält er sich dennoch mit seiner Schlüsselstellung im Beziehungsgeflecht der Müßiggänger.

Die Gesellschaftssatire aus dem 18. Jahrhundert drängt sich zur Aktualisierung geradezu auf, und in der Fassung der Dramatischen Bühne Frankfurt ist der Text im gestelzten Duktus und im derben Reim eben noch wiederzuerkennen. Die Inhalte aber sind gründlich und ganz selbstverständlich auf heutige Ereignisse und Gepflogenheiten hin umgeschrieben. Der Diener wird als unbezahlter Praktikant engagiert, und auf den ewigen Generationskonflikt zwischen Moral und Eigennutz wird "alle Idealisten, die nicht jung gestorben, am Ende sind sie alle fett geworden" gereimt.
Versteckt sind solche allgemeingültigen Erkenntnisse vordergründig in den Eskapaden einer eitlen, launischen und törichten Bande, deren Protagonisten von Gier gelenkt und von Rivalitäten abgelenkt werden. Jeder, der hier auf ein Schäferstündchen aus ist, will sein Schäfchen nebenbei auch ins trockene bringen. Und jeder bekommt dabei Gelegenheit, in typischen Rollenkonstellationen vom Geschlechterkrieg bis zum Klassenkampf den eigenen miesen Charakter einzubringen. Wer dabei übersieht, dass Herr und Knecht allein aufgrund der Machtverhältnisse unterschiedlich agieren, wird vom Autor explizit auf die Qualität aller Menschlichkeit gestoßen: "Jeder wird die Welt befrein und dann der neue Unterdrücker sein."

Unter der Regie von Thorsten Morawietz entwickeln die Akteure in der Exzess-Halle Frankfurt lustvollen Aktionismus inmitten eines Hin und Hers von Koffern, Büffets und Stühlen, überdrehen jeden Disput bis zur Urschreitetherapie und fügen sich in die Masken und Kostüme, mit denen Prisca Ludwig aus der barocken Putzwut die Karikaturen hervortreibt. Und wenn sich doch noch die Beziehungen klären, die Paare finden und das Zähnefletschen sich zum Lachen entspannt, wird der Glaube an Glück und Güte mit einem misanthropischen Postskriptum relativiert.

 

Main Echo vom 12.11.2009

Goldoni darf mitspielen in der vergnügten Truppe
VON BETTINA BOYENS

Bombastisch geschminkt, hakennasig verfremdet und so wenig kopflastig wie möglich: Thorsten Morawietz als Regisseur, Textdichter und Truffaldino in Personalunion zelebriert bei Goldonis »Diener zweier Herren« in der Bockenheimer Exzesshalle in Frankfurt mit seiner vergnügten Schauspieltruppe vor allem eins: elisabethanische Ausgelassenheit.



Ausgelassen wird auch viel von Carlo Goldonis Originaltext und seinem Figurenrepertoire. Kammerzofe Blandina fliegt ebenso aus dieser berühmten Commedia dell'Arte raus wie Dottore Lombardi und Wirt Brighella. Rein wurschtelt Morawietz die Kontrahenten Goldoni und Vega im Kampf um die Gunst der zickigen Tiodina. 



Kunstvoll liegen beim papageienhaft ausstaffierten Ensemble am Premierenabend die Nerven blank. Es wird dreist geschrien und gerannt, gereimt und gestottert, mit den grellbunten Perücken gewippt und saftig intrigiert. 

Den lustvollen Zickenkrieg zwischen Beatrice (Birte Sieling) und Tiodina (Sarah Kortmann) zu verfolgen ist ebenso erheiternd wie den wortreichen Schimpfkaskaden der Nebenbuhler Vega und Goldoni zuzuhören. Die lächerlichen Pinocchio-Nasen aller Beteiligten, mal hakig, mal schnüffelnd, mal spitz zulaufend, entlarven köstlich deren garstige Abgründe. 



Der bauernschlaue Truffaldino bleibt im Eifersuchts-Schlamassel eine bemitleidenswerte Figur. Gehetzt wie Freiwild, manipuliert und vorgeführt. Aber dafür darf er viele Weisheiten orakeln: »Wenn die Welt durch Reden zu verbessern wär, dann gäb's schon lang kein Elend mehr.« 



Im besten Sinne lächerlich dichtet Morawietz mal schlicht, mal schlichter Lustigkeiten hinzu. Team reimt sich bei ihm auf » an einem Strange ziehn« und alles zusammen presst er launig in den 260 Jahre alten Komödientext des berühmten Venezianers.



Das Wunschpublikum der Dramatischen Bühne applaudiert lautstark und in höchstem Maße amüsiert in der links-autonomen Exzess-Halle. Auf billigen weißen Plastikstühlen sitzen Studenten neben Bankern, unterhalten sich Teenager mit elegant gekleideten Damen mittleren Alters. Und alle essen, trinken, lachen und kommentieren die temperamentvolle Theatershow. So eine Stimmung mag es auch bisweilen im Theater Shakespeare's gegeben haben, in dem Bauern neben Handwerkern vor der Bühne standen, während Bürgerliche und Adlige vom Balkone aus auf das einfache Volk herunterblickten. 

Vergnüglich ist damals wie heute, dass sich der Zuschauer im schützenden Halbdunkel nicht ebenso lächerlich machen muss wie die mutige Truppe auf der Bühne. Und so passt die alberne, pralle, lautstarke Darbietung von Goldonis bedeutendstem Stück zur Aufführungspraxis der dramatischen Bühne und ihrem Motto: »So wir lieben, lügen wir und das ist eine Narrenbühne hier«.  

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